Vulnerabilität aus der Perspektive einer bildungstheoretisch-orientierten Sozialen Arbeit. Alltagsmathematische Praktiken im Kontext der Sozialen Schuldnerberatung ; Vulnerability from the perspective of an educational theory-oriented social work. Numeracy practices in the context of social debt counselling

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Erscheinungsjahr:
2021
Medientyp:
Text
Beschreibung:
  • In dieser publikationsbasierten Arbeit werden die Themenfelder Alltagsmathematik, Überschuldung und Soziale Schuldnerberatung miteinander verbunden und empirisch erforscht. Im Fokus stehen Personen, die aufgrund von Schulden in sozioökonomisch prekäre Lebenslagen geraten sind. Angesichts dieser persönlichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten spielt das alltägliche Rechnen und Schätzen in finanziellen Angelegenheiten eine wichtige Rolle, um das knappe Budget nicht zu überschreiten. Statt einer kompetenzorientierten Sichtweise werden diese alltagsmathematischen Strategien hinsichtlich ihrer Einbettung in soziale Kontexte und ihrer subjektiven Bedeutsamkeit in der alltäglichen Anwendung untersucht. Im Rahmen einer Forschungsstudie an der HAW Hamburg wurden dazu qualitative Befragungen in der Sozialen Schuldnerberatung in München und in Hamburg durchgeführt: Zunächst erfolgten zwei fokussierte Gruppeninterviews mit den dort arbeitenden Fachkräften, bevor darauf aufbauend in fokussierten Einzelinterviews Ratsuchende (n=30) befragt wurden. Die erhobenen Daten wurden inhaltsanalytisch strukturierend ausgewertet und bilden die Basis der vorliegenden Arbeit. Die subjektive Perspektive der von Überschuldung betroffenen Personen wird mithilfe eines lebensweltorientierten Ansatzes herausgearbeitet und in Relation zur gesellschaftlich bedingten Lebenslage gesetzt. Das entwickelte Konzept der sozioökonomischen Vulnerabilität bildet dabei den analytischen wie normativen Rahmen, um die Subjektposition angesichts benachteiligender Strukturen zu erfassen: Statt eindimensionaler Beschreibungen von Überschuldungsprozessen können die möglichen Risiken und verfügbaren Ressourcen für die betroffenen Subjekte differenziert dargestellt werden. So zeigen sich in den Ergebnissen vielfältige persönliche, soziale und gesellschaftliche Einflussfaktoren, die auf das alltagsmathematische Handeln der Personen in überschuldeten Lebenslagen wirken. Insbesondere die Einkommensarmut beeinflusst nachhaltig die Gestaltung des Alltags und begrenzt die sozialen Teilhabemöglichkeiten der Betroffenen. Angesichts der alltäglichen Belastungen greifen die befragten Ratsuchenden auf verschiedene alltagsmathematische Strategien zurück, die sich in vier Kategorien einteilen lassen: Planen und Kontrolle, Vergleichen und Abwägen, Verzichten sowie Entlasten. Die analysierten Denk- und Handlungsmuster folgen dabei nicht unbedingt einer ökonomisch-rationalen Logik, sondern einer bedürfnisorientierten, subjektiv bedeutsamen Begründung.
    Die gewonnenen Erkenntnisse verdeutlichen nicht nur die Komplexität und Dynamik von Überschuldungsprozessen, sondern ermöglichen es auch, Schlüsse für die Soziale Schuldnerberatung als ein Handlungsfeld der Sozialen Arbeit zu ziehen. Dazu wird ein bildungstheoretischer Zugang genutzt, um die in der Beratung noch wenig beachtete pädagogische Dimension in Bezug auf Lernen und Vermitteln zu ergründen und ein soziales Bildungsverständnis für die Soziale Schuldnerberatung zu erörtern. Zusammen geführt zeigen die Perspektiven aus der Sozialen Arbeit und Bildungswissenschaften auf, wie sich alltagsmathematische Praktiken im Kontext von Überschuldung erforschen und verstehen lassen.
Lizenz:
  • info:eu-repo/semantics/openAccess
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Forschungsinformationssystem der UHH

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Quelldatensatz
oai:www.edit.fis.uni-hamburg.de:publications/ed49de5c-f449-4d1d-94a8-ba9052e88f85